Leseprobe I

Sein Herz raste. Es zog sich spürbar zusammen. Es tat weh. Er hatte Angst. Alles hatte sich anders entwickelt, als geplant. Er hatte kein Funktelefon. Keine Verbindung. Er war allein. Seine Tür war zu. Und er wusste nicht, was dahinter vor sich ging. Wer sie öffnen würde. Was sie sagen würden. Was sie tun würden. Was ihn erwartete.
Schweigende Unruhe war zu spüren. Ungute Spannung. Das einzige Geräusch, das er wahrnahm, war sein Herz, das bis an den Rand des Gaumens klopfte, so hart, dass es schmerzte. Unwillkürlich schluckte er, als könne er damit diese schreckliche Panik nach unten verbannen, sein Herz beruhigen.
Bis zum Schluss hatte er gedacht, gehofft, er würde aus der Sache rauskommen. Irgendwie. Es würde alles gut werden. Es gab Pläne. Seinen, den der anderen...und es gab Gott. An den er immer geglaubt hatte...der letztlich immer da gewesen war. Wo war er nun? Näher, als vermutet? Anders nah als sonst? Wo, verdammt noch mal, war Jake?
Wie immer, wenn seine Gedanken rotierten, zwang er sich, an sein Mantra zu denken. Er rezitierte es, wieder und wieder, um den Gedankenstrom in seinem Kopf auf einen einzigen Satz zu reduzieren, um zur Ruhe zu kommen. Ruhig, ruhig. Er musste ruhig bleiben. Luft flatterte abgehackt durch seine Kehle, als er versuchte er die Beklemmung durch einen tiefen Atemzug zu lösen. Doch mit Lichtgeschwindigkeit schob sich erneut Panik in sein Bewusstsein und sein Herz sackte wie ein abstürzender Fahrstuhl nach unten. Er fühlte sich blutleer, hirntot, eine undefinierbare Masse in seinem Hirn, unfähig, zu reagieren.
Zitternd lag er auf dem Bett.
Wie oft hatte er sich diesen Moment vorgestellt. An alles hatte er gedacht, nur nicht daran, dass die Angst letztendlich so mächtig, so unkontrollierbar sein würde. Zeitweise hatte er sogar beim Nachdenken über diesen Moment angesichts seiner Situation und seiner kärglichen Aussichten etwas wie Erleichterung verspürt. Endlich würde dieses Elend vorbei sein! Er wäre erlöst. Gott, erlöst! Endlich Frieden, keine Angst, kein Herzweh - Emotionen, so oft gespürt, so oft von ihnen gequält...oh, mein Gott, es wäre endlich einfach still. Unwiderruflich still. Und dann...in diese Stille einsinken zu können...für immer... für immer geschützt, für immer geliebt...für immer frei. Es gab Momente in seinem Leben, in denen die Sehnsucht nach diesem Zustand alles überwältigte.

Und nun...nun war es soweit. Doch das, was so unmittelbar davor in ihm hochkam, war pures Grauen. Ein Aufwall an Entsetzen, die lähmende Gewissheit, dass in wenigen Minuten alles zu Ende sein würde.
Heiß überfiel ihn der Gedanke an seine Kinder. Wie würde es ihnen ergehen? Sein Herz brach, wenn er an sie dachte. Nein, er konnte sie nicht schützen. Nicht mehr. Hatte er es jemals gekonnt? Die schrecklichste Erkenntnis, die er in den letzten Monaten gewonnen hatte, war, dass die größte Gefahr für seine Kinder er selbst war. Dass es für sie besser war, wenn er ging. Er konnte ihnen die Dinge nicht erklären. Aber er wusste um ihre Feinsinnigkeit. Es machte keinen Sinn, sich zu verstellen – sie wussten immer, wie es in ihm aussah. Und sie wussten, er litt, es ging ihm schlecht und immer schlechter. Sie wussten, er war unglücklich. In den Augen seiner Tochter hatte er ein selbstloses Einverständnis gesehen. Das Einverständnis, zu gehen, wenn er es wollte. Sie liebte ihn so sehr, dass sie bereit war, auf ihn zu verzichten, wenn es ihm damit besser gehen sollte.
Sein Herz zog sich erneut zusammen, aus Liebe, aus Schmerz, aus dieser ewigen, nicht endenwollenden Pein, die ihn schon so lange verfolgte, die an ihm klebte, wie festgebranntes Pech.
Angst – da war sie - wie immer. Der schwarze Drachenhund, der Wächter am Eingang des Tores zur erlösenden Seligkeit. Und doch: In der kalten Asche dieser Angst glühte ein winziger Funken, ein Tröpfchen Hoffnung, ein Glühwürmchen an Wahnwitz, das ihn davon abhielt, sich dem Schicksal vollends hinzugeben.

Geräusche an der Tür. Sein Kopf fuhr hoch. Seine Augen fokussierten wie in Zeitlupe von nah auf fern. Sein Blick fiel auf die Uhr am Nachttisch. Fünf Uhr morgens.
25.06. 2009.
Wie durch Watte nahm er wahr, wie die Klinke herunter gedrückt wurde, leise, fast behutsam.
Mit Tränen in den Augen starrte er auf den nach unten gesenkten Türgriff. Wer immer da draußen stand, zögerte, herein zu kommen. Er hörte den anderen atmen, zaudern, fühlte das Metall des Griffes, die schweißfeuchte Hand, als wäre es seine. Dann: Ein tiefer Atemzug. Die Entscheidung war gefallen. Und wie auf Knopfdruck stellte sich in ihm majestätische Ruhe ein.
Es war nun für alles zu spät.
Alles, was war, war hiermit vorbei.
Kurz schloss er die Augen.
Und die Tür schob sich langsam auf.

 

Sonne im Gesicht

Ich mag Menschen. Oft sitze ich irgendwo in der Sonne und beobachte sie einfach.
Sehe ihre Gesichtszüge, die Augen, dem Ausdruck darin, Lippen, Nase, Hautfarbe... diese unerschöpflich komplexe Symphonie individueller Gestaltungsmöglichkeiten. Und dann frage ich mich, warum Menschen so aussehen, wie sie aussehen. Warum sie sich genauso kleiden, wie sie es tun, warum sie sich so und nicht anders wohlfühlen.
Ich betrachte mir, was sie bei sich tragen, wie sie es tragen, wie sie ihre Füße setzen, wie sie reden, schweigen, laufen, wie die Arme schwingen, und ob das alles miteinander harmoniert. Und frage mich, was sie zu all diesen Bewegungsmustern gebracht haben mag. Was die Leute so denken. Wie diese Gedanken exakt diese Verhaltensmuster hervorgerufen haben. Woher ihre Denkweise kommt. Und dann würde am liebsten mit ihnen gehen, so als Fliege auf der Schulter, möchte wissen, wie sie wohnen, welche Gewohnheiten sie haben und warum. Möchte wissen, wie sie als Babys und Kinder waren, was sie erlebt haben, ob es Schlüsselerlebnisse gab und welche Meinung sie über die unterschiedlichsten Dinge des Lebens haben. Und ob sie jemals einen anderen Plan für dieses hatten. Vor allem aber möchte ich wissen, ob sie glücklich sind. Und wenn ja, was sie darunter verstehen. Und was sie glauben, was sie zu ihrem Glück führt. All das interessiert mich.
Ich finde Menschen faszinierend.
Jeder ist eine unendliche Geschichte. Und es gibt Milliarden von Geschichten. Es heißt, wir kommen alle aus derselben Energie, sind alle aus dem gleichen Stoff gemacht...umso mehr begeistert mich die Ausdrucksvielfalt des Ursprungs. Egal, wo ich bin – ich glotze.
So unauffällig ich es auch tue – es ist erstaunlich, wie schnell Menschen sich beobachtet fühlen. Und wie genau sie wissen, woher die Blicke kommen. Auch, wenn sie nicht gleich den Beobachtenden ausmachen können – sie erahnen ihn und ihre Blicke gehen meist in die richtige Richtung. Trotz fortschreitender Denaturierung funktioniert dieser unser Urinstinkt noch äußerst präzise. Und manchmal ist das der Beginn einer wunderbaren, eigenen Geschichte.

 

Leseprobe 2

Schlummertrunk

Unruhig wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Die Fragen nach Michaels Empfindung und dem tieferen Grund seiner Schicksalsschläge geisterten mir im Kopf herum. Schließlich stand ich auf und beschloss, mich mit einem Glas Wein an den See zu setzen. Linda hatte mir den morgigen Tag freigegeben, es war ideal für ein bisschen Alkohol zur Gedankenbetäubung.
Leise ging ich in die Küche, schaute im Weinschrank nach einer offenen Flasche Wein und hatte Glück. Ein dunkler Roter leuchtete mich an. Ich schnappte mir ein Glas, goss großzügig ein und ging durch die Küchenterrassentür nach draußen, Richtung Ufer.
Da hinten stand Jason mit einem seiner Wachmänner. Ich winkte ihnen zu, damit sie beruhigt waren und lief weiter. Die Nacht war windig und ich hatte nur T-Shirt und Sweathose an. Eine Sekunde überlegte ich, noch einmal zurück zu gehen, um mir eine Jacke zu holen, aber ich war zu faul. Ich würde mein Glas Wein trinken, den Mond anstarren, mir ein paar Gedanken machen, die zu nichts führen würden, und dann ins Bett gehen.
Kurz danach saß ich neben einer Kinderstatue aus Stein, die etwas abseits vom Teich stand. Auf Neverland hatte es zig Statuen aus Bronze und Granit gegeben, hatte man mir erzählt. Neverland. Seine Zuflucht in dieser Welt. Wie musste es für ihn gewesen sein, das alles zu verlieren?
Ich prostete dem hinter Wolken verborgenen Mond zu, nahm einen kräftigen Schluck und fühlte mich gleich viel wohler. Der Wind blies kräftig in den Bäumen, kräuselte die Oberfläche des Wassers und veränderte ständig die Wolkenformationen am grauschwarzen Himmel. Heute war die Wolkendecke zu dicht; der Wind konnte den Mond nicht daraus befreien und nach einer Zeit fröstelte ich tatsächlich in meinen dünnen Sachen. Das Glas war noch halbvoll und ich beschloss, mich in eine windgeschütztere Ecke zu setzen.
Als ich aufstand, hörte ich klagendes, leises Singen. Oder war das ein Schluchzen? Ich verharrte in meiner Bewegung.
Die Stimme war unverwechselbar - das war Michael! Er war hier! Das konnte nur er sein! Und tatsächlich – er saß in genau der Laube, die ich mir als zweiten Aufenthaltsort für meinen Schlaftrunk gewählt hatte. Dann aber zögerte ich, auf ihn zuzugehen. Der Mann wollte sicher seine Ruhe, sonst wäre er nicht hier.
‚Aber du bist auch hier’, protestierte mein Verstand. ‚Und du willst absolut nicht deine Ruhe!`
‚Trotzdem’, sagte der Anstandsengel im anderen Ohr: ‚Jemand wie er kann nie genug Ruhe haben. Lass ihn und geh ins Bett’. Doch Michael hatte mich, Gott sei Dank, schon entdeckt. 
„Hey, Gesang Gottes!“, rief er leise. „Was machst du denn hier?“ 
„Privates Besäufnis“, erklärte ich und hielt mein Weinglas hoch. „Ich kann nicht schlafen.”
„Ich auch nicht“, sagte er. „Ich kann oft nicht schlafen. Komm, setz dich zu mir.“
„Möchtest du nicht lieber alleine sein?“, fragte ich.
„Nein“, sagte er schnell. „Absolut nicht. Komm her.“
Ich setzte mich neben ihn und bot ihm mein Glas an.
Er schüttelte den Kopf. „Danke, ich trinke nicht gern.“
Ich schwieg. Er war so untypisch in jeder Beziehung. Wenn er gehurt, gesoffen und gekifft, sein Geld für fette Autos statt für Kinderleben ausgegeben hätte, wären dann alle viel mehr mit ihm einverstanden gewesen? Oder wäre er dann steuerbarer gewesen? Doch so schnell der Gedanke gekommen war, verflog er auch wieder.
„Hey, applehead“, riss er mich aus meinen Grübeleien. „Wo sind deine Bücher? Hast du keines dabei? Dann hättest du mir was vorlesen können.“
„Ja, schade“, lächelte ich. „Ich wusste nicht, dass du ein so starkes Interesse an diesen Dingen hast.”
Dann schwiegen wir beide. Es war so leicht mit Michael zu schweigen. Ich kann gar nicht sagen, was schöner war: mit ihm zu schweigen oder mit ihm zu reden. Es war gleich. Er war auf eine so hohe, fremde Weise präsent. Als ob er nicht in diese Welt gehörte, als ob er mit seinem Herzen ganz woanders verwurzelt sei.
Doch in dieser Nacht wirkte er gequält, er sah müde aus und zu erschöpft, diese Mattigkeit zu verbergen. Und er wirkte – nicht unglücklich, nein, aber unsagbar traurig. So traurig, dass mir unwillkürlich die Frage auf die Lippen kam: „Was hast du?“ Aber ich stellte sie nicht.
Leicht wiegte er seinen Oberkörper vor und zurück. Versunken in eine unhörbare Melodie saß er mit geschlossenen Augen auf der Bank, im Rhythmus mit sich selbst.
Mir war ein bisschen kalt und so zog ich die Beine an und legte die Arme drum herum. Er nahm die Bewegung wahr und öffnete die Augen.
„Hab ich dich gestört?“, fragte ich. „Das wollte ich nicht. Sorry, du warst grad so schön versunken.“
Michael schaute nur, er sagte nichts. Er schaute mich auch nicht direkt an, eher ein bisschen an mir vorbei, fast prüfend, und eine leise Vermutung machte sich in mir breit. Dann lehnte er sich wieder zurück und starrte auf den See.
„Du... du hast eine enorm stille Aura um dich herum“, sagte ich. „Wie ein schwarzes Loch, das einen nach innen zieht. Es ist sehr schön, neben dir zu sitzen.“
Michael schenkte mir ein vorsichtiges Lächeln.  Es vergingen ein paar Minuten.
„Soll...soll ich dich doch lieber alleine lassen?“, unsicher sah ich an.
„Nein, nein...bleib doch, es ist okay... wirklich“, sagte er auf meinen zweifelnden Blick. Und dann fragte ich ihn doch:
„Michael, fehlt dir was? Kann ich dir irgendwie helfen?“
Er presste die Lippen zusammen.
„Nein...das kannst du nicht... mir geht es heute nicht ganz so gut...aber es gibt nichts, was du tun könntest. Außer hier sitzen. Trotzdem. Danke.“
Er wickelte sein Jacket dichter um seinen ausgemergelten Körper.
„Woher bist du eigentlich?“, fragte er.
„Deutschland“, antwortete ich einsilbig – ich überlegte mir gerade, ob ich ihm eine Decke holen sollte.
„Ihr Deutschen seid angenehm ruhig“, sagte er. „Ich mag Deutschland. Dort sind die Leute nicht so hyperaktiv.“
Ich lachte: „Kann schon sein... aber es schwappt leider immer mehr Blödsinn über den Ozean zu uns.”
Michael kicherte. „Und warum bist du dann ausgerechnet in den Staaten?“, fragte er.
„Gute Frage. Ich war noch nie hier. Ich wollte es einfach mal sehen... dieses Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten.”
Sein Gesichtsausdruck änderte sich, als ob ich ihn an etwas Unangenehmes erinnert hätte und als wolle er davon ablenken, fragte er:
„Warum liest du diese Bücher? Wie bist du dazu gekommen?“
„Ach“, sagte ich. „Das ist eine lange Geschichte. Irgendwann sucht man Antworten, die man nirgendwo sonst findet. Die östliche Thematik zieht mich einfach an.”
„Meditierst du?“
„Schon, ja.”
„Warum?“
„Um mit dem in Berührung zu kommen, was mich ausmacht“, antwortete ich. „Dieses innere Glück zu spüren...mich dort zu verankern zu können...um letztendlich frei zu sein. Ich bekomme eine Ahnung davon, wer wir wirklich sind...und manchmal ist das, was bei der Meditation geschieht, so schön, dass ich mir wünsche, ewig in diesem Zustand bleiben zu können. Und dieser Hauch von Ahnung gibt mir Hoffnung, dass es mehr gibt, als das, was wir sehen...schreibt das nicht auch dein Tagore? ‚Lang ist die Zeit, die meine Reise braucht und lang ist der Weg. Der erste Strahl des Lichtes, war der Wagen, auf dem ich aufbrach…“
„Wow“, sagte er mit seiner so leisen und sanften Stimme. „Letztes Mal wusstest du noch nichts von Tagore.“
„Das stimmt“, sagte ich. „Aber deine Liedstrophe war so berührend, dass ich mir die Gitanjali gekauft habe. Sie ist wirklich wunderschön.“
„Welcher Religion gehörst du an?“, fragte er.
„Keiner. An sich bin ich Katholik und ich finde den Grundgedanken des Christentums schön. Aber ich mag nicht, was die Kirchen daraus machen und ich mag nicht an einen rächenden, Sünden zählenden Gott glauben, der oben im Himmel sitzt und mir jede Minute meines Lebens klarmacht, dass ich „nicht würdig sei, einzugehen unter sein Dach.” Also bitte. Nee… das ist nichts für mich.“
Michael kicherte und richtete sich auf. „Und an was glaubst du dann?“
„An das Gegenteil. Dass jeder aus Gott gemacht ist. Die Weisen erklären es so, dass Gott explodiert ist und aus einem viele geworden sind. Der Urknall, wenn du so willst. Er hat sich sozusagen in die Formenvielfalt manifestiert. Und da er der Ursprung ist, muss ja alles aus ihm gemacht sein: Universen, Galaxien, die Erde, Pflanzen, Tiere, Menschen, eben alles, was existiert. Und das ist das, was ich versuche zu leben:   Sieh Gott in jedem. Und in allem.“
Ich stockte und verstummte. Michael hatte sich - unwillig? – bewegt. Seine dunklen Augen sahen mich mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten konnte. Es war ohnehin finster hier draußen, aber sein Blick war so schwarz, so tief und ich konnte nichts in ihm lesen. Das passierte mir selten und machte mich unsicher.
„Michael“, entschuldigte ich mich. „Ich rede nicht gerne über solche Sachen, weil…weil das meine Auffassung ist, die niemand mit mir teilen muss...“
Doch Michael schienen meine Sätze aufgewühlt zu haben. Heftig sagte er:
„Ich glaube an Gott... oh, und wie ich an ihn glaube...aber...es gibt…böse Menschen, es gibt Menschen, die Freude daran haben, anderen weh zu tun, Menschen, die für Geld alles tun würden…ich weiß, Jesus hat gesagt, ‚liebe deine Feinde’...aber es ist... das ... scheint... eine ...schwierige Übung...“
„Das ist sie auch“, sagte ich leise und mir kamen all die unschönen Sachen in den Sinn, die ihm widerfahren waren. „Aber ich denke, es muss irgendwo einen Sinn haben, dass man den Menschen begegnet, denen man begegnet... und dass sie das tun, was sie tun...ich meine...“
„Welchen Sinn sollte das haben?“, fragte er erregt. „Warum kann man nicht einfach in Frieden leben, warum können einen die Menschen nicht einfach in Ruhe lassen...?“
„Weiß nicht, vielleicht sind sie ja hier, damit wir irgendetwas kapieren...?“, antwortete ich und kam mir blöd vor, weil es sich so klischeehaft anhörte. Tonlos fragte er:
„Was? Wie man am besten mit Prügeln umgeht?“
„Nein! Vielleicht herauszufinden, warum man sie bekommt,“ entgegnete ich und sah ihn erstaunt an.  Von seiner Ruhe, die ich bisher kennen gelernt hatte, war kaum noch etwas zu spüren. Er beherrschte sich sichtlich. Und diese Beherrschung und der frische Wind ließen ihn erbeben. Er zitterte. Er zitterte wie ein kleines Kind und ich hätte ihm am liebsten eine Decke um seine knochigen Schultern gelegt.
Die schwarzen Augen sahen mich an. Oh mein Gott, wie dunkel sie waren! So riesengroß in diesem blassen Gesicht! Mein Beschützerinstinkt machte einen gewaltigen Sprung nach oben - er musste es in meinen Augen gesehen haben und wich ein paar Zentimeter mit dem Oberkörper zurück. Und dann wieder vor. Ich spürte seinen Drang sich mitzuteilen, und dann...war da wieder Angst. Und sie war es, die letztlich überwog. Er blieb stumm. 
Verstört lehnte ich mich mit dem Rücken an die Bank. Seine Ausstrahlung war so ambivalent. Er hatte etwas an sich, was ich auf meinen Reisen bei Meistern gespürt hatte, etwas Hohes, Erhabenes, Lichtes, aber daneben war auch dieser unendliche Schmerz, diese Qual, eine greifbare Sehnsucht nach einer anderen Welt. Ja, so fühlte er sich heute Nacht an: Wie jemand, der auf seine Heimkehr wartete, auf seine Erlösung von diesem Planeten.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte ihn auf all diese miesen Erlebnisse nicht ansprechen... oder war es genau das, was er brauchte? Mein Hirn rasterte gehetzt mögliche Gesprächsfortsätze ab, die alle sinnlos und unpassend klangen. Schließlich hörte ich ihn tief ein – und ausatmen. Dann fragte er:
„Heißt das, du meinst, ich hätte sie verdient... die Prügel?“
„Oh Gott, nein!“, stieß ich hervor, „absolut nicht! Gerade du nicht! Ich meine... das ist die große Frage, die ich mir stelle: Warum du? Warum nicht irgendein Affe, der seine Kinder drangsaliert und ein Arschloch ist? Warum musstest ausgerechnet du so was erlebe? Ich verstehe das einfach nicht ... aber ich will es verstehen...!“
„Weil ich vielleicht doch eine Leiche im Keller habe?“, er wandte mir sein Gesicht zu und zum ersten Mal sprangen Schmerz und Trauer ungefiltert hervor. Und seine Augen... seine Augen...sie waren unfassbar in ihrem Ausdruck.
„Nein“, flüsterte ich, „weil du ein so feiner Mensch bist. Aber gerade deshalb muss es doch einen Sinn geben. Irgendeinen!“
„Vielleicht ist es eine Prüfung“, sagte Michael ruhig.
„Wofür? Was genau soll denn geprüft werden?“
„Mein Glaube an Gott. Wie stark er ist. Ob ich in der Lage bin, auch in schwierigen Zeiten an ihn zu glauben.“
„Ich weiß nicht“, seufzte ich, „offengestanden finde ich einen Gott, der so denkt, ziemlich bescheuert.“
Ein kleiner Ruck ging durch seinen Körper. Michael sah mich neugierig von der Seite an. Seine Mundwinkel bogen sich unmerklich nach oben.
„Das ist engstirnig und kleinkariert“, fuhr ich fort, „ich kann mich mit einem Gott nicht anfreunden, der sagt: So, Freundchen, jetzt teste ich mal deine Liebe zu mir und foltere dich mal kräftig durch. Mal sehen, ob du es wert bist... nein...das will ich nicht glauben. Es heißt doch immer, er liebt bedingungslos. Also, was denn nun? Eher glaube ich daran, dass Gott unser Glück will, und nur unser Glück... und dass all das Drama drumherum unsere eigene Erfindung ist.“
„Eigene Erfindung? Was meinst du damit?“
„Naja...ich meine, dass wir alle letztendlich auf diese Erde geplumpst sind, um genau das zu erkennen: dass wir aus unserem Leben ein Drama machen. Unser Job heißt: Ewige Glückseligkeit, alles andere ist Makulatur. Aber wir erfinden eben dauernd irgendwelche Geschichten, nur um das in seiner Einfachheit nicht erkennen zu müssen.“
„Du meinst... das berühmte Ego?“
„Ja, der Verstand, das Ego... all die ganzen Geister, die wir riefen...die uns klarmachen, dass wir dies und das brauchen und die uns vom Wesentlichen ablenken...die uns klarmachen, dass alles um uns herum Scheiße ist und wir ja genau deswegen nicht glücklich sein können...Mann, sind wir blöd, was?“
Ich kicherte und stupste ihn an. Michael war so prädestiniert zum Herumtollen und irgendwie steckte mich seine kindliche Aura an. Aber er lachte nur halb mit. Erkennbar versuchte er all das Gesagte auf seine Situation zu transferieren.
„Aber es gibt... Menschen... Menschen, die völlig anders denken, die... einem dieses Glück nicht gönnen...“
„Das ist es ja“, sagte ich gleichmütig, „das ist ja eines dieser selbst erfundenen Dramen. Ich will damit nicht sagen, dass es diese Leute nicht gibt, aber meine Erfahrung ist, dass es sie nur deswegen gibt, weil man irgendwo falsch liegt...und dass sie ganz schnell verschwinden, wenn man den Grund für ihr Auftauchen erkannt und gelöst hat.“
„Verschwinden!?“ Riesige Augen sahen mich an.
„Ja... puff – wie durch ein Wunder und weg sind sie!“ Ich nahm einen Schluck aus dem Weinglas und hielt es automatisch Michael hinüber. Zu meiner Überraschung nahm er es und nippte daraus.
„Wie... erklär’ mir das noch mal mit dem Verschwinden“, setzte er wieder an. Das Thema schien ihn brennend zu interessieren.
„Naja – das Prinzip ist einfach. Ein Problem taucht auf... in verschiedenen Farben, immer wieder...dann versuche ich herauszufinden, was die Ursache ist. Was es mir sagen will. Weil es etwas ist, was mich vom Glück abhält. Weil der Mensch da im Außen mir was zeigt, was ich innen nicht gelöst habe. Das ist die Sinn-Frage... meist ein ungutes Programm, eine Denkweise, die dem zugrunde liegt, eines, das man nicht kennt...und das „Problem“ ist dazu da, dass man es erkennt. Und auflöst. Es ist ein Prozess.“
„Hast du das... schon öfter gemacht?“
Ich lachte. „Dauernd! Ich meine, das ganze Leben ist eine Herausforderung! Aber es läuft halt mit der Zeit leichter, komplikationsloser...je mehr man löst.“
Er nickte heftig und nachdenklich. Schlagartig fiel mir ein, dass sein Leben statt komplikationsloser nur komplizierter geworden war. Lange Zeit sagte er nichts. Saß neben mir mit einem Mix an Gefühlen. Ich spürte, wie groß seine Angst war, sich zu öffnen. Wie oft hatte er das wohl schon getan und war auf die Schnauze gefallen? Gleichwohl spürte ich sein dringendes Bedürfnis, reden zu können und wusste nicht, was ich tun sollte, um ihn zu überzeugen, dass ich sein Vertrauen nicht missbrauchen würde. Das Dumme war, dass ich lediglich einen Grundriss über sein Leben hatte – in der kurzen Zeit war es unmöglich gewesen, sich in Details einzulesen. Ich hatte keine Ahnung, nicht den Nanobruchteil einer Ahnung, mit welchen Problemen er sich in dieser Nacht herumschlug und wie groß sein Dilemma war. Aber was zu mir herüber drang, war pure Qual, die zu lindern ich bestrebt war. So sanft ich konnte, sagte ich:
„Du bist sehr mutig, dass du dieses Leben gewählt hast, glaub mir.“
Er wandte sich ab. Seine Arme lagen angewinkelt auf seinen Knien, er hatte die Hände ineinander verkrampft und rieb mit den Knöcheln heftig sein Kinn.
„Gewählt…“, murmelte er. „Hätte ich dieses Leben gewählt? Wenn ich gekonnt hätte? Vielleicht will ich es gar nicht mehr. Ich hatte viele Momente, in denen ich es nicht mehr wollte. Aber ich ertrage es für die Kinder... für meine Kinder... und die Kinder dieser Welt... und wenn du es genau wissen willst... für mich war alles bisher eine Prüfung, das war der einzige Gedanke, der mich aufrechterhalten hat. Ich halte es aus für all diejenigen, die ihre Magie nicht verloren haben... für all diejenigen, die an Liebe glauben und ... “
„...die dich lieben“, vervollständigte ich leise den Satz.
„Mich lieben…“, wiederholte er und zum ersten Mal hörte ich Verbitterung in seiner Stimme.
„Michael“, begann ich, in dem Bedürfnis, ihm Trost zu spenden, aber er unterbrach mich:
„Mich lieben... lieben mich die Menschen? Sie verachten mich. Sie meiden mich.“ er spuckte die Sätze aus wie einen ekligen Klumpen Schleim.
Betroffen sah ich ihn an. Hatten ihm diese Geschehnisse wirklich allen Glauben an sich genommen?  Ich meine, es wäre für jeden von uns  die Hölle gewesen, für jemanden wie ihn, der so sensibel war,  und angesichts der Tatsache, dass er ein Leben in einer Truman-Show führte, musste sich die Wirkung verhundertfacht haben.
„Millionen Menschen lieben dich“, widersprach ich, „deine Kinder lieben dich. Alle, die dich wirklich kennen, lieben dich. Deine Fans...Ich weiß nicht, Michael, für mich bist du einer der meist geliebten Menschen auf der Welt. Bist du jetzt der Fisch, der durstig ist? Ausgerechnet du? Zumal doch die Liebe so aus dir heraus leuchtet?“
Seine fast schwarzen Augen ruhten auf mir. Nachdenklich strich er mit seiner großen Hand über sein schmales Bein. „Weißt du, Chirelle“, sagte er leise. „Ich liebe meine Fans. Ich bin ihnen zutiefst dankbar. Ich versuche immer die Liebe zu leben, egal, wie dreckig es mir geht…ich…egal, wie die Menschen mich behandeln, egal, was sie über mich schreiben…“ Er verstummte.
„Menschen“, hub er dann wieder an „sind immer bereit, aus etwas Gutem etwas Schlechtes zu machen. Sie sind…“ und er verwendete das Wort, das er in mehreren Interviews schon benutzt hatte, „engl. ‚ignorant’ – unwissend.” Es klang wie: Herr, vergib ihnen…denn sie wissen nicht, was sie tun.
Szenen besagter Interviews schossen mir durch den Kopf. Michael war nie ausfällig geworden, egal, wie aggressiv die Journalisten ihn attackiert hatten. Selbst der Polizei gegenüber, die ihn mit Wonne getriezt haben musste, als sie ihn inhaftiert hatten, war er höflich geblieben, keine Aggression, nichts - obwohl es ihm erkennbar miserabel gegangen war. Er hielt sich sogar zurück, Negatives über diejenigen zu sagen, die ihm übel mitgespielt, die sein Leben zur Hölle gemacht hatten. Ich erinnerte mich, wie er in einem Interview erwähnt hatte, Jesus nachahmen zu wollen, so gut sein zu wollen wie Jesus und zu geben wie Jesus. Ich hoffte nur, dass er sich nicht unbewusst auch vorgenommen hatte, zu leiden wie Jesus. Aber im Moment tat er genau das: Er litt.
Ich weiß nicht, an was er in diesem Moment dachte, aber sein Schmerz schoss hoch wie eine Fontäne und ich zuckte erschrocken zusammen.
Verkrampft hielt er die Hände vor die Augen, zurückgeworfen in quälende Erinnerungen, und versuchte, die aufsteigenden Tränen zurück zu beißen. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen, aber wir trafen uns gerade zum zweiten Mal. Wie würde er auf eine solche Berührung reagieren?
Dann war es mir egal. Ich rückte ein bisschen näher und legte vorsichtig meinen Arm um seinen mageren Körper. Michael war weich, oh Gott, wie weich er war, wie anschmiegsam, wie ein Baby! Ein Baby, das beschützt werden will – und das ich beschützen wollte. Meine Muttergefühle brachen auf und ich drückte ihn sanft an mich. Einen Augenblick lang gab er sich der Berührung hin, einen kostbaren Moment lang ließ er sich halten und ich fühlte, dass dies ungewohnt für ihn war. Dass er es gewohnt war, Stärke zu zeigen. Nach kurzer Zeit schon schob er sich weg und wischte sich die Augen.
„Es tut mir leid“, sagte er.
„Was denn?“ fragte ich leise. „Die Berührung? Ich hoffe, es ist nicht das, was du bedauerst.“
„Nein“, antwortete er und lächelte, leicht reserviert. Ich schwieg.
„Nachts ist es immer so still“, sagte er dann. „Da fallen Inspirationen wie Regen vom Himmel. Man muss nur den Sternen zuhören und dem Wind und …“
Er verstummte erneut und ich wagte einen Blick zu ihm. Er hatte die Augen geschlossen und schien etwas Schönes zu erleben. Vielleicht die Melodie für einen neuen Song, empfangen über Frequenzen, die nur er wahrnehmen konnte, weil ein Teil von ihm so offen war und bereit, diese Botschaften zu empfangen. Von einer Sekunde auf die andere war er wieder in seinen lichten Part gefallen und verharrte darin. Es war traumhaft, sich mit ihm darin zu versenken.
Still saßen wir auf unserer Bank. Es fing an zu dämmern. Leise nahm ich das noch immer nicht leere Weinglas.
„Ich glaube, ich gehe jetzt mal. Danke für deine Gesellschaft, Michael …ich…“
„Warte, applehead“, sagte er, „ich komme mit“, und stand ebenfalls auf. Gemeinsam schlenderten wir zum Haus zurück. Linda hatte mich darauf vorbereitet, dass er Leute oft mit ‚applehead’ anredete.
„Sag mal, was machst du eigentlich hier?“, fragte er mich dann plötzlich und blieb stehen. „Du kannst noch nicht lange hier sein. Hat Linda dich eingestellt?“
„Ja, sie hat mich im Supermarkt aufgegabelt!“ grinste ich. „Linda hat mir äußerst überzeugend klargemacht, dass die Vollwertkost der Jacksonkinder wichtiger ist, als ein Trip durch die USA und so bin ich erst mal hier.“
„Ach, dir haben wir all diese Köstlichkeiten zu verdanken?“, schmunzelte er. „Ich liebe deine Müslimuffins! Die mit den Nüssen und Rosinen!“
„Sag bloß, du isst sie!? Ich meine, so richtig essen, oder hast du nur die Krümel aufgelesen, die deine Kinder auf dem Teller haben liegen lassen?“
Er grinste auf seine unvergleichliche Art: „Ich schwör dir, ich hab mal einen ganzen verputzt. Ganz allein! Alles aufgegessen!“
„Wow!“, sagte ich erschüttert. „Einen ganzen Muffin? Wie hat dein Bauch ausgesehen? Muffinförmig? Hast du die Hose noch zubekommen? Ich meine, man hat doch sicher die Muffinform durch die Bauchdecke erkannt, oder?“
Michael brach in lautes Gelächter aus und es klang so gelöst und locker und von Herzen kommend, als hätte es nie etwas Schmerzliches in seinem Leben gegeben. Mit einem Mal war er ein übermütiges, fröhliches, zu Streichen aufgelegtes Kind, voller Enthusiasmus,  das das Leben als ein spannendes Abenteuer sah. Wenn Michael auf diese Art lachte, wenn sein Leid nicht mehr zu spüren war, hatte er die Energie eines Engels.
„Danke für die Zeit mit dir, Michael“, sagte ich warm. „Es ist wirklich schön, mit dir zu reden. Und zu schweigen.“
Er nickte und verabschiedete sich von mir. „Gute Nacht, deutsches Müslimädchen“, gluckerte er. Und mir entfuhr ein „Gute Nacht, amerikanischer Muffinvernichter “, was ihm ein weiteres Kichern entlockte.
Beschwingt drehte ich mich um und wollte in mein Zimmer.
„He, Chi!“, rief er mir nach und ging ein paar Schritte auf mich zu. In einem respektablen Abstand blieb er stehen. Ein schüchterner Mann, nach Worten ringend. Und mit dieser so unendlichen Stille um sich herum.
„Ich würde gern mehr über deine Bücher erfahren“, sagte er schließlich. „...und über deine Ansichten...wenn du abends nicht zu müde bist…könnten wir reden…philosophieren... über das, was du gesagt hast...“
„O ja!“, sagte ich begeistert. „Das ist eine tolle Idee!“
Er wollte noch mehr sagen, aber es kam ihm nicht über die Lippen. Die Pause schwoll an und er machte einen kurzen Schritt zurück. Kam er sich unbeholfen vor? Verlegen? Wenn es so war – mit diesem Gefühl wollte ich ihn nicht gehen lassen.
„Weißt du was?“, sagte ich enthusiastisch, „ab morgen bin ich deine Scheherazade! Wir spielen Tausend und eine Nacht! Jeden Abend eine Geschichte vor dem Kaminfeuer…das wird klasse!“
Michael lächelte. „Tausend und eine Nacht!“, wiederholte er und seine Augen begannen zu leuchten. Ich konnte förmlich fühlen, wie er über eine Bühnenshow oder einen Song nachdachte.
Ja“, sagte er, „ich freue mich darauf. Bis morgen Abend.”
Dann ging er. Leise singend, mit den Finger schnalzend.
„Arabian nights... Arabian nights...“,hörte ich ihn trällern „...thousand and one night...the one and only night with you...can you rescue me...can you free me...with your voice ... with your wisdom...with your myths...Arabian nights...“
Ein Lied, das ihm der Wind in den Bäumen zugeflüstert hatte.

 

Leseprobe 3

Jermaine!“, brüllte Joe. „Du triffst den Ton nicht! Hörst du das denn nicht! Herrgott, Kinder, es geht um eure Zukunft! Ist das so schwer zu begreifen?“
Wohnzimmer - Rehearsal. Joe saß mit Argusaugen vor seinen Jungs und beobachte sie auf Schritt und Tritt.
„Tito! Dein Einsatz war zu früh!“
Der Gürtel schwang in seiner Hand, drohend flappte er auf den Boden, wenn Joe anfing zu schreien. Er war als Kind so gemaßregelt worden und es hatte ihm nicht geschadet. Er kam überhaupt nicht auf die Idee, dass ein Hieb Unheil anrichten könnte. Natürlich wollte er seinen Kindern nichts Böses. Sein Glaube war: Disziplin ist alles. Wer es zu etwas bringen will im Leben, muss hart zu sich selber sein. Muss sich selbst überwinden. Muss mehr leisten als andere. Michael gab ihm in diesem Punkt Recht, aber er verabscheute die Methoden seines Vaters zutiefst.
„Michael! Was ist das für ein Schritt!? Der steht nicht im Programm!“, bellte Joe und das Maß der Fehler war voll für diesen Tag. Er hob die Hand. Michael zog die Schultern hoch, wich zurück und schrie:
„So tanzt James Brown! Ich hab ihn im Fernsehen gesehen!“
Wumm! Der Gürtel und dessen harte Metallschnalle sausten auf Michaels Rücken. Doch ehe einer auch nur Piep sagen konnte, zog der Kleine wutentbrannt seinen Schuh vom Fuß und warf ihn mit voller Wucht auf Joe.
Wie in Zeitlupe prallte der Schuh vor aller Augen von Joes Kopf ab und fiel polternd zu Boden.
Entsetztes Schweigen füllte den Raum. Keiner wagte zu atmen, alle starrten den Vater an. Joe brauchte ganze fünf Sekunden, um zu realisieren, dass sein sechsjähriger Sohn einen Schuh nach ihm geworfen hatte. Dann brach die Hölle los. Joe brüllte auf wie ein verwundeter Stier und stürzte sich auf Michael, der vergebens versuchte, auszureißen.
Und Joe schlug. Er schlug zu, wohin auch immer er traf, er schlug und schlug und schlug und mit jedem Hieb wurde er aggressiver, zumal von Michael zu Beginn kein Laut zu hören war. Joe sah nur noch rot, er steigerte sich in eine Raserei hinein, die ihn blind für alles um ihn herum machte. Michael lag auf dem Boden, krümmte sich zusammen, erstarrt, verkrampft und weinte laut. Schlag um Schlag landete auf seinem Rücken, auf seinem Hinterteil, in seinem Gesicht, überall. Joe war in totaler Rage. Langsam, wie durch Watte, drangen die Schreie seiner Frau an sein Ohr:
„Joseph, hör auf! Hör auf! Du bringst in ihn um, du bringst ihn um!“
Und endlich ließ er nach, verpasste dem heulenden Michael einen abschließenden Hieb und rieb seine schmerzende Hand.
Michael stolperte weg von ihm. Panisch, geschunden, gelähmt vor Entsetzen suchte er einen Platz, an dem er nicht gefunden werden konnte, einen Platz nur für ihn, einen Platz, wo er weinen konnte, wo er allein sein konnte, wo er sicher war.
Er schloss sich in die Toilette ein. Lehnte sich gegen die Tür. Hörte kurze Zeit später seinen Vater dagegen hämmern, der ihm befahl, wieder nach draußen zu kommen. Weiter zu proben. Im Hintergrund Katherines beschwörende Stimme, an seinen Vater gerichtet, er möge ihm ein paar Minuten Zeit geben, sich zu fassen.
„Fünf Minuten!“, donnerte Joe und unterstrich seine Worte mit einem drohenden Faustschlag gegen das Holz.
Michael setzte sich mit dem Rücken zur Wand, dorthin, wo die Erschütterung der Faustschläge nicht durchdringen konnte, wo keine Berührung mit seinem Vater mehr möglich war. Er umschlang seine Knie und schaukelte sich hin und her. Sein Körper war voller Schmerz. Der Gürtel und die Faust hatten unzählige blaue Flecken und rote Striemen, offene Wunden hinterlassen. Nach dem Abklingen des ersten Schocks überzogen deren Folgen seinen gesamten Körper, brannten wie Feuer. Doch noch mehr schmerzte sein Herz. Oh, dieses Gefühl da innendrin! Er war bis zum Anschlag voll mit diesem widerlichen Wust! Wo waren nun Magie und Liebe? Stattdessen machte sich Hass breit, Ohnmacht...Ausgeliefertsein...die Traurigkeit, etwas unwiederbringlich verloren zu haben, was einmal da war... Michael weinte stumm, mit offenem Mund. Er hatte fünf Minuten, um zu weinen, um mit diesem allumfassenden Schmerz fertig zu werden. Dann musste er zurück – zur Probe. Auf die Bühne.
Zehn Augenpaare starrten ihn an, als er zurück ins Wohnzimmer humpelte. 
Die Stimmung war gesättigt von Repression und Furcht. Keiner machte einen Mucks. Die Augen der Brüder senkten sich geschockt Richtung Boden, als sie sein grün und blau geschlagenes Gesicht sahen. Katherine sah ihn mit mitfühlenden Augen an. Er sah weg. Das konnte er nicht ertragen. Wenn er sich darauf einließ, würde er in Tränen ausbrechen und das wollte er nicht. Nicht vor Joe. Tito hob unmerklich den Kopf und zwinkerte ihm zu. Michael war ihm dankbar dafür. Mit diesem Zwinkern hatte er die andere Seite angeklickt, die Seite, die auch noch da war – die spielerische Seite, die das Leben hier erträglich machte. Trotzig stellte er sich mit geschwollenen, blutigen Lippen hinter das Mikrofon und wich den Blicken seines Vaters aus.
„Du tust das nie wieder“, sagte der, mehr als eine Feststellung denn als Drohung. „Und jetzt will ich eine gepfefferte Show hier sehen, na, los!“
Und die Kinder gaben alles. Sie waren die Jackson Five – und sie hatten viel vor.

Nachts lag Michael im Bett.
Katherine war zu ihm gekommen, hatte ihm übers Haar gestrichen und gesagt:
„Er will nur euer Bestes. Er meint es nicht so.”
Damit konnte er nichts anfangen. Joe meinte es so, dessen war er sich sicher. Sein Körper schmerzte höllisch. Seine Lippe war aufgeplatzt, es tat weh, wenn er sang. Und sein Herz...das weinte, still, und ohne, dass es jemand sehen durfte. In seiner Familie wurde nicht über Gefühle geredet.
Er sah zu den Sternen hoch und fühlte sich einsam. Inmitten seiner Brüder, die rings um ihn atmeten und körperlich anwesend waren, fühlte er sich allein. Er sehnte sich nach lichteren Energien, jenen, die er so deutlich spüren konnte. Fiel in einen Traum, träumte, er sei umgeben von Elfen in einem mystischen Wald und alles, alles war gut, alles war friedvoll und sonnig. Es war eine andere Welt.

 

Leseprobe 4

On stage – der letzte Auftritt

Michaels Hand lag auf der Maus, mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand scrollte er eine gepostete Nachricht nach der anderen ab.
Sein Manager hatte in einem Mini-Pressebericht bekannt gegeben, dass Michael Jackson ein Konzert plane. Nun hatte er bei Google „Michael Jackson, Comeback“ eingegeben und war auf die entsprechenden Seiten gerutscht. Mit einem Kloß im Hals sah er sich an, was die Leute über ihn und sein Comeback dachten.

„Wo ist Jake?“ fragte Mike. Nervös lief er durch das Haus und seine Rastlosigkeit nahm von Tag zu Tag zu. Jede Minute, die er auf ihn wartete.
Aber Jake kam nicht. Er blieb spurlos verschwunden.

Ein altbekanntes Gefühl, das er nicht haben wollte, kroch in seinem Bauch hoch, das immer stärker wurde. Er fühlte sich wie aufgerissen. Seine Stimmung schwankte von euphorisch bis niedergeschlagen. Er hatte das Gefühl ausgeliefert zu sein, hatte Angst vor dem Konzert. Das Konzert, das Konzert! Oh, Gott! Sie würden ihn ausbuhen! Sie würden ihn niedermachen! Er sehnte sich nach Chirelle. Am liebsten hätte er jetzt einfach geredet. Wo war Jake? Ausgerechnet jetzt ließ er sich nicht blicken!
Seine Unruhe wuchs. Sein Herz stach. Unwillkürlich fuhr seine Hand in die Brustgegend. Was war los mit ihm? Alte, vertraute Furcht kroch hoch. Wurde er vergiftet? Was hatte er heute gegessen? Wo hatte er gegessen? Wer war dabei gewesen?
„Ich werde nie glücklich sein“, dachte er, wie er es Millionen Mal gedacht hatte. Aber...so wollte er nicht mehr denken! Es war ihm doch die letzten Wochen so gut gelungen! Tag für Tag hatte er sich bewusst umprogrammiert und er hatte den Fortschritt spüren können. Und an manchen Tagen hatte er sich richtig frei gefühlt. War in eine tiefe Glückseligkeit gesunken, die ihm klar machte, wo er hinmusste. Wieder dachte er an Chirelle. Dachte daran, wie sie ihm gesagt hatte, dass er nicht sein Verstand, nicht seine Gedanken sei und dass diese Gedanken beeinflussbar waren. Das war ihm jeden Tag besser gelungen… aber manchmal… fühlte er sich plötzlich schwach, nicht mehr in der Lage, diese wilden Fiktionen zu bändigen, diese Angst in den  Griff zu bekommen, eine Angst, die sich wieder selbständig zu machen schien. Warum, warum? Seit wann war das so? Warum klappte das nicht mehr?

Er ging in den Tanzraum. Drehte die Musik auf. Ließ sie in sich fließen. Seine Füße begannen, sich zu bewegen, seine Arme, sein Unterleib, sein Körper. Für kurze Zeit entschwand er mit seinem Bewusstsein in andere Dimensionen, war er erlöst vom Denken. Doch als die Musik stoppte und er in der Dunkelheit des Raumes stand, spürte er den prompten Tribut, den sein Körper für die Verausgabung forderte: Schmerz.
Ächzend wankte er in sein Schlafzimmer. Seine Schultern taten ihm so weh, dass er kaum aus dem Hemd kam. Als er sich setzte, um die Hose auszuziehen, fühlte er sich wie ein 80-jähriger Mann. Seine Knie glühten wie die Hölle.
Entmutigt sackte er zusammen. Der Angstpegel stieg um ein weiteres Level. Wie um alles in der Welt, sollte er die vielen Proben und das Konzert durchstehen? Er würde ein Wrack sein, bevor noch die erste Rehearsal vorbei war! Er durfte sich nicht in dieses Fahrwasser begeben. Es brachte ihn um.  

Er gab sich einen Ruck. Am nächsten Tag informierte er seine Manager und den Konzertveranstalter:
„Ich kann das Konzert nicht machen“, eröffnete er ihnen unglücklich. „Es tut mir leid, aber die gesundheitlichen Voraussetzungen sind zu dürftig… es geht nicht.“
Und zu seinen Managern gewandt, im Hintergrund den bleich gewordenen Veranstalter registrierend:„Ich brauche eine andere Lösung. Es muss eine geben.“

Aufruhr nach seiner Aussage. Michael war einfach aufgestanden und gegangen. Seine Manager versicherten in aller Eile dem Veranstalter AEG, dass das nicht das Ende sei und wetzten Michael hinterher. Sie redeten auf ihn ein, machten ihm klar, dass dies sein finanzieller Exit wäre. Ob er denn nicht an seine Kinder denke? Schließlich brachten sie ihn nach Hause zurück mit Michaels Zusage, sich das Ganze noch einmal zu überlegen.

 

Am nächsten Tag fand eine Besprechung in Michaels Haus statt. Sie machten ihm Hoffnungen, sprachen ihm Mut zu. Sie versprachen ihm alles, was er wollte, sagten, sie würden sich ganz besonders um ihn kümmern, alle Eventualitäten berücksichtigen.
„Wir stellen eine Rundum-Betreuung sicher“, sagte der Konzertveranstalter. „In der Zwischenzeit hast du ja auch jetzt schon Doubles, auf die wir zurückgreifen können. Wir stellen dir einen Arzt ein, der sich speziell um deine Belange kümmert. Wir brauchen für die Versicherung sowieso ein Gutachten und einen Gesundheitscheck. In drei Tagen beginnen wir mit den Untersuchungen.“
Michael dachte an Jake. Der gesagt hatte, sein Leben stünde so oder so auf dem Spiel. Er holte tief Luft. Dann schon lieber so. Er würde es machen. Ein Konzert. Und er begann, sich darauf zu freuen.

XX- 2008/2009

„Ich scheiß auf sein Comeback! Meint er, mit der Nummer zieht er seinen Kopf aus der Schlinge? Niemand auf der Welt will dieses abgewrackte Arschloch sehen!

Er hängt im Netz und das weiß er auch. Kümmer’ dich um die Kinder. Das hat der andere verpennt.”

***

Wieder lag Michaels langer Finger auf dem trackpad des Computers und bewegte sich von Textstück zu Textstück. Google:  Comeback Michael Jackson.

....

Ihm fiel das Herz in die Hose. Sein Finger verharrte auf dem Pad. Niemand würde zu seinem Konzert kommen.
Es würde das ultimative Desaster werden.

Ärzte untersuchten ihn und spritzten ihm was. Eine Stunde später fühlte sich Michael wie ausgewechselt. Er war euphorisch und verspürte keinerlei Schmerzen. Auch die Angstgefühle waren weg. WEG! Verschwunden! Er fühlte sich so frei, so unendlich frei – er war nach diesen zähen, angsttriefenden Tagen wie erlöst. Gott, so erlöst! So frei! Natürlich würde er das schaffen. Ein Konzert! Er würde es schaffen, er würde aus dem Schlamassel rauskommen. Er brauchte ein Comeback. Er arbeitete doch seit Jahren schon dran. Und es war Teil seines Planes. Der verhasste Satz seines Vaters kam ihm in den Sinn: „Es gibt Gewinner und Verlierer da draußen und keiner meiner Kinder ist ein Verlierer“. Seltsamerweise gab ihm dieser Satz zum ersten Mal echte Kraft. Er würde es irgendwie schaffen. Er war kein Verlierer. Und dies hier... war definitiv die letzte Schlacht. Das fühlte er deutlich.

 

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--- © Andrea-M-Müller ---